Monatsarchiv: Mai 2009

Wochen 30-34

Jubiläum in PROSOYA, Hühner und Enten in Qillazú, Pablo und Caspar in der höchstgelegenen Stadt von (mindestens) Amerika.

Am 12. April hatte Prosoya sein 20- jähriges Jubiläum, was in einem rauschenden Fest begangen wurde.

Es wurde vom Tanz des Jungenprojekts über den Tanz des Mädchenprojekts bis zum Tanz des Mütterclubs alles geboten. Und natürlich Gedichts- und Gesangsdarbietungen. Auch wir durften mal wieder gegen eine Wand vollkommen verstörter Gesichter einen Mozart loswerden. Aber mittlerweile sind wir ja daran gewöhnt.

Abends gab es dann ein Feuerwek mit einem Castillo (Holzgestell mit Feuerwerkskörpern dran, an dem sich dann alles zu drehen beginnt, s. Fotos).

Am nächsten Tag folgte dann der eigentliche Festakt mit vielen Reden, Nationalhymne und Stromausfall, das konnte die Laune aber auch nicht mehr trüben.

Ausserdem wurde ein Traktor (nagelneu, grasgrün und Spende der Peru-Aktion) geschenkt, da der alte wohl nicht mehr ausreicht.

Dazu und um der Feier beizuwohnen war auch Helmut, ein Arzt aus Deutschland mit seiner gesamten Familie einschließlich Schwiegersohn in Spe  angereist und wir konnten uns mal wieder ausgiebig auf Deutsch unterhalten. Untereinander stößt man, egal wie hoch die Qualität des Gesprächs ist, immer wieder auf dieselben Positionen und manchmal ist es dann ganz schön, mal wieder etwas Neues zu hören.

Unpraktisch war, dass der Stromausfall mangels Mechanikern (alle in Lima auf Urlaub) noch länger andauerte, d.h. man konnte auch am nächsten Abend nur mithilfe von Kerzen sehen. Wie lange das noch so blieb, weiß ich nicht, wir konnten  uns nämlich glücklicherweise nach Quillazú verziehen, da dort der Bau eines Hühnerstalls in vollem Gange war und wir dazu beitragen sollten, die Kosten für das Projekt einzugrenzen.

Unsere Aufgabe war ein Vordach und die Wände und Türen zu bauen.

Das Dach und die Eckpfosten für die Wände waren schon gestellt und der Boden gegossen, und die fast modern geneigte Grundkonstruktion bringt Pablo immer noch manchmal zum köcheln. Mich auch, bis ich dann im Zuge des Bauvorhabens irgendwie an Glashäuser denken muss.

Das Vordach passt zum Stall, denn es ist nicht wirklich nötig, aber echt groß und teuer. Der Stall misst nämlich auch satte 7 auf 7 Meter (mit zwei Lagerräumen). Das liegt vor allem daran, dass Felix die Planung übernommen hat und beim Ausmessen der Grundmauern dachte, 7 Meter wären doch eigentlich nicht so groß.  Sind sie schon, und zwar auch noch, obwohl Felix statt 50 aus Versehen 50 Paar Hühnchen gekauft hat. Aber so lernt man das.

Irgendwann war Pablo dann Holz bestellen in Oxa und ich ein Schuhregal für die zweite NUCFA am bauen, als Felix die blendende Idee hatte, mittags um 1  bei ca. 25 Grad und praller Sonne auf den Berg vom Projekt zu steigen, um die Grenzpunkte auszumessen. Das resultierte dann neben dem 2-Stündigen Aufstieg und dem erfolgreichen Markieren einer Palme zu einem ziemlich heftigen Anfall seinerseits, weil er zu wenig getrunken hatte. Nach einem Tag an der Infusion war aber alles wieder in Ordnung.

Am 22. gab es ein Fest für mich mit dicker Torte, und einem Tanz von den Mädels (Titel: „die Alten“….) Gedichten, Liedern, Luftballons und Keksen. Das war sehr schön und ziemlich rührend, weil die sich dafür extra zwei Tage davor schon vorbereitet hatten.

An diesem Wochenende sind wir dann wegen des anhaltend guten Wetters und dem Bedürfnis, etwas mehr als Quillazu, Huancabamba, und Oxapampa kennen zu lernen nach Cerro de Pasco gefahren, um den „Bosque de Piedras“ zu besuchen. Cerro de Pasco liegt Luftlinie ca. 80 Kilometer westlich von hier, über die Straße aber ca. 300 Kilometer entfernt. Wir fuhren also am 1. Mai (Auch hier ein Feiertag) los und reisten über La Merced, Tarma, Junin nach Cerro de Pasco.

Die Reise war zum einen landschaftlich sehr interessant, weil zwischen La Merced  und Tarma ein sehr schönes Urwaldtal liegt mit unzähligen Wasserfällen und gelb blühenden Bäumen. Danach durchquert man die Lehmhügel von Tarma, deren Rot machmal von blumenübersäten Felshängen durchbrochen wird und gelangt dann auf die Hochebene von Cerro. Die liegt auf 4300 Metern. Dementsprechend wachsen dort keine Bäume mehr, alles ist von Wiesen endlosen Mooren überzogen, die mit rustikalen Steinmauern in Parzellen geteilt sind. Überall stehen Alpaka- und Schafherden auf der Ebene und die wenigen Menschen, die man zu Gesicht bekommt, sind in Wollkleider und –Mützen eingewickelt und haben von Sonne und Kälte gefleckte Wangen.

Manchmal taucht ein See auf, an dessen Ufern hunderte von Frauen und Kindern waschen und danach die Umgebenden Hügel mit einem Flickenteppich bunter Decken, Röcke und Ponchos bedecken.

Cerro de Pasco selbst ist eine Minenstadt und so präsentiert sie sich auch. Direkt am Ortseingang passiert man eine Silbermine (Tagebau) die mitten in die Bebauung einen riesigen Krater  gefressen hat. Überall sind die Amerikaner präsent, denen die Minen gehören. Nicht persönlich, aber im Stadtbild. Es gibt an jeder Ecke Fastfoodrestaurants, wenn auch Mc Donalds und Burger King noch nicht angekommen sind. Viele Willkommensschilder an Ortseinfahrten sind auch auf Englisch abgefasst und die Jacken der arbeitenden Bevölkerung tragen Aufschriften wie „Hochschild Silver Mine“.

Uns war es nach der Reise aus Oxapampa (ca. 20 Grad) über La Merced (ca. 30 Grad) nach Tarma (ca. 10 Grad) in Cerro (ca. 5 Grad) erstmal ziemlich kalt. Nicht, weil die 5 Grad unerträglich wären, sondern, weil diese nicht nur draußen vorherrschen. Jede Bar und jedes Hotel ist genauso kalt wie das Umfeld.

Nachdem wir, um nicht zu sehr zu frieren, abends in die Disco gegangen waren und uns an dem reichhaltigen Angebot an Musik erfreut hatten (in Oxa hört man auch in der Disco fast nur Cumbia und Huayno, weswegen wir dort auch seit Neujahr nicht mehr tanzen waren), ging es morgens nach Huallay zum Bosque de Piedras. Das ist ein größtenteils erodierter Gebirgszugsrest mitten in der Pampa. Auf den Fotos ist das besser zu erkennen, als ich es erklären kann.

Auf jeden Fall fühlt man sich in dieser Umgebung, die auch touristisch noch nicht zu sehr erschlossen ist wie in einem Herr der Ringe-Film. Überall wachsen komische bleiche Blumen und Moorpflanzen, Wasser kommt aus dem Nichts und es stehen Steinskulpturen herum, deren Aufbau sich jeglicher Logik entzieht.

Nach diesem Ausflug ging es dann zurück nach La Merced, um die Nacht nicht wieder bei 5 Grad zu verbringen, zumal ich sowieso schon erkältet war und mich die Leute im Taxi gefragt haben, woher ich denn die Krankheit mitgebracht hätte (Mexiko?).

Im La Merced trafen wir Abends dann den Häuptling einer  Comunidad Nativa, einem Ashaninka Stamm in der Nähe der Straße nach Oxa.

Natürlich sollten wir am nächsten Tag unbedingt mal vorbeischauen und das taten wir dann auch.

Das Dorf ist zum einen sehr traditionell (viele Tragen eine Art Kutte, Federschmuck etc.), andererseits ist es natürlich schwer, in 1 Km Entfernung von einer der wichtigsten Verkehrsadern des Distrikts (asphaltiert) ganz bei den Traditionen zu bleiben.

Die Lösung des Problems für diesen Stamm ist offensichtlich, die Tradition für den Tourismus aufrechtzuerhalten, um trotz der traditionellen Anbau- und Jagdmethoden (Pfeil und Bogen) noch genug Geld zu verdienen.

Wir wurden auf jeden Fall von Häuptling Freddy willkommengeheißen,  indem wir auch Kutten und Ketten umgehängt bekamen und im Kreis tanzen durften.

Dann wurde uns diskret eine Spendendose unter die Nase gehalten und man kam sich sehr, sehr albern vor. Wenn allerdings jemand Lust auf spirituelle Selbstverwirklichung hat, ist er bei so einem Stamm mit Sicherheit richtig aufgehoben.

Nach der Begrüßung wurde uns die Geschichte der Ashaninkas von Pampa Michi erzählt (das war interessant) und es wurde uns nahegelegt, doch noch ein paar Andenken in den Kunsthandwerksläden des Dorfes zu kaufen. Dann konnten wir uns ein wenig umsehen. Das war ganz unterhaltsam, weil überall gezähmte Affen, Eulen, Aras und Marderähnliche Tiere herumliefen. Sonst gab das Dorf allerdings nicht mehr so viel her und wir zogen weiter in den botanischen Garten, der ca. 3 Kilometer in Richtung Oxapampa lag.

Dort bekamen wir eine umfassende Führung mit der gesamten Familie des Führers. Es war schön und interessant und danach hatten wir das Glück, in genau dem richtigen Taxi zu landen.

Der Fahrer Hatte nur einen Passagier mit, die Sängerin irgendeiner Huayno-Gruppe. Beide hatten genauso wenig zu Mittag gegessen wie wir und nach dem Stop in einem sehr guten Ladstrassesrestaurant lud er uns auch noch auf ein Bier ein.

Ausserdem war es das erste Mal, dass mir im Taxi zwischen La Merced und Oxa mein Mageninhalt nicht gegen die Kinnlade schwappte (Auffällig ist aber, dass Peruaner im Allgemeinen anfälliger für Reiseübelkeit zu sein scheinen als Pablo und ich, denn in besagtem Taxi und auch im Bus nach Lima übergeben sich immer einige, während wir bisher noch alles im Magen behalten haben)

Seit unserer Rückkehr nach Quillazú sind wir dafür beide krank (Husten) und gammeln schon den zweiten Tag im Bett rum, trinken Kamilletee mit Honig und essen heiße Orangen.

Das wäre dann soweit alles, was ich zu berichten habe,

Viele Grüße und herzlichen Glückwunsch zur Ausdauer beim Lesen,

Caspar

Nachtrag:

Mittlerweile sind wir wieder fit und so, der Hühnerstall ist auch noch mit Schlafgelegenheiten und  Legeplätzen ausgestattet.  Minerva hat mittlerweile 3 von den 12 Enten aufgefressen aber der Rest ist wohlauf.

Im Nachbardorf sind zwei tote Kinder aufgetaucht, deren Organe entfernt wurden, bei ihnen wurden Umschläge mit jeweils 800 Soles (200 Euro) gefunden für die Familien.

Das hat mich doch trotz der Gewöhnung an andere Umstände ziemlich umgehauen.

Das war jetzt wirklich alles